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Armut darf keine Zukunft haben

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Von: Valentin Persau

Der diesjährige Tag für die Beseitigung von Armut fällt zusammen mit einer weltweiten Jahrhundertpandemie. Corona hat gezeigt, wie wichtig Solidarität und ein funktionierender Sozialstaat ist, um die gesundheitlichen, wirtschaftlichen und sozialen Folgen der Pandemie zu begrenzen. Gleichzeitig bleibt deutlich: Es bedarf auch in Deutschland zielgerichteter und wirksamer Strategien zur Beseitigung von Armut.

Bereits ein Blick auf die Vor-Corona-Zeit offenbart: In Deutschland war 2019 jeder sechste Mensch armutsgefährdet oder arm. Auffällig ist, dass sich die Armutsfolgen heute stärker auf verschiedene Lebensbereiche, wie Wohnen, Gesundheit und Bildung niederschlagen.

Das Armutsrisiko ist dabei in der Bevölkerung ungleich verteilt und verfestigt sich zunehmend bei bestimmten Gruppen, wie Langzeitarbeitslosen, Alleinerziehenden oder junge Menschen.

Insgesamt beobachten wir eine Vergrößerung der relativen Armutslücke, also des durchschnittlichen Geldbetrages, der armen Menschen zum Erreichen der statistischen Armutsschwelle (2019 knapp 1100 Euro) fehlt. Dies ist ein Indiz dafür, dass arme Menschen zunehmend von der wirtschaftlichen Entwicklung abgehängt werden.

Hinzukommen weitere Ungleichheitsfaktoren: Deutschland nimmt etwa bei der Vermögensungleichheit in Europa einen „Spitzenposition“ ein. Auch der Arbeitsmarkt ist zunehmend polarisiert und schützt viele Menschen nicht mehr wirksam vor Armut. Diese Dynamiken vollzogen sich vor dem Hintergrund einer Dekade stabiler Wachstumsraten und Rekordbeschäftigung.

Es entsteht damit ein Gesamtbild, das für viele kein Gesamtbild mehr ergibt. Es existiert eine Gleichzeitigkeit verschiedener Lebenswelten, von Aufstieg und Abstieg, von Wohlstand und Armut, von Sicherheit und Prekarität. Für viele unsichtbar, versteckt und verschämt, besteht Armut in Deutschland, einem der reichsten Länder der Welt, fort. Armut, die das Leben von über 13 Millionen Menschen in Deutschland bestimmt, ihre Möglichkeiten einschränkt und sie gesellschaftlicher Ausgrenzung und Verachtung aussetzt. Armut, auf die der Sozialstaat noch keine wirksamen Antworten gibt.

Es bedarf daher einer Gesamtstrategie gegen Armut in Deutschland. An dieser sollten insbesondere Menschen, die selbst Armut erleben, mitwirken. Denn eine Strategie gegen Armut muss damit beginnen, Armut sichtbar zu machen und den Menschen mit Respekt und Solidarität statt mit Vorurteilen und Schuldzuweisungen zu begegnen. Im Weiteren geht es um den Anspruch, die Lebenslagen und Lebenschancen der Menschen wirksam zu verbessern – durch politische Gestaltung struktureller Rahmenbedingungen und durch soziale Arbeit, die stets den Einzelnen in den Blick nimmt.

Entschlossenes Handeln ist auch vor dem Hintergrund drängender Zukunftsfragen geboten: Wie verändert die Digitalisierung und der Wandel zur postindustriellen Dienstleistungs- und Wissensgesellschaft die Arbeitswelt? Wie gestalten wir die sozialökologische Transformation? Wie begegnen wir der Alterung unserer Gesellschaft? Wie überwinden wir Kinderarmut? Wie bleiben wir eine offene Gesellschaft? Wie entwickeln wir Resilienz für zukünftige Krisen?

All diese Fragen haben verteilungspolitische Implikationen. Klar ist: Unsere Antworten darauf können nur so stark sein wie die Antworten, die wir auf Armut geben. Ansonsten nehmen wir weitere soziale und kulturelle Konflikte in Kauf. Armut darf keine Zukunft haben! Stattdessen muss es unser Anspruch bleiben, Armut zu überwinden und gesellschaftliche Teilhabe für alle zu verwirklichen.       

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